Mehr vom Selben und alles wie immer – die Selbstzweckfalle der Digitalisierung

Dieser Beitrag erschien zuerst am 11. Mai 2020 unter dem Titel "Selbstzweckfalle der Digitalisierung" bei Marketingbörse Plus.

Technische Umwälzungen bieten die Chance, etwas neu und besser zu machen. Krisen prinzipiell auch. Dabei gilt in der Regel die Maxime: Neu = gut, mehr von neu = besser. Mit der Implikation, dass, wenn wer nicht mitmacht, rückständig ist, den Trend verpasst und abgehängt wird. Also muss man etwas tun. Am einfachsten das, was auch die anderen machen. Und mehr davon.

Hier kommt die treibende Kraft zu einem von denen, die die Nutznießer des Neuen sind. Im Falle der Digitalisierung sind es die Lösungs- und Produktanbieter - und die Berater. Wir, die wir uns gegenseitig demonstrativ im Tun überbieten sind dann konsequenterweise die ziehende Kraft.

Das Bällebad

Das Alte funktioniert also nicht mehr. Wir wissen aber auch nicht so richtig, was denn nun das Richtige ist. Die Auswahl ist so groß. Die Anzahl Meinungen dazu ist riesig. Das Risiko einer Fehlentscheidung ist bedrohlich.

So sind wir in der Situation, dass eine Seite Not und Bedarf hat, aber nicht so genau weiß, wie sie zu lindern oder befriedigen ist. Und die andere Seite weiß, was gut für die erstgenannte Seite ist - natürlich immer orientiert am eigenen Produktportfolio.

Glücklicherweise gibt es dann ein neues Super-Tool, mit dem man alles machen kann – oder ein Modell, oder ein Buzzword, oder ein Konzept. Und es wird auch alles Mögliche damit gemacht. Auch wenn es völliger Quatsch ist.

Alles wie immer

Zum Beispiel macht man es genauso wie früher in Echt nur jetzt in virtuell. Konferenzen und Meetings zum Beispiel. Aber auch das Kollegenbier oder der virtuelle Haarschnitt.

Zum einen wird ein Schrottmeeting auch virtuell ein Schrottmeeting bleiben (alles wie immer, Agenda, nicht aufpassen, viel zu lange). Zum anderen muss man nicht alles digital machen, nur weil es möglich ist.. Nach dem gleichen Motto bieten schlaue Vögel virtuelle Waldspaziergänge (live) für die an, die den aufrechten Gang durch übermäßiges Sitzen im Heimbüro verlernt haben. Kostenlos. Keine Pointe. Das mit dem virtuellen Haarschnitt hingegen ist Stand jetzt eine.

Ja, es ist gut zu helfen. In Verbindung zu bleiben. Also, wenn wir über virtuelle Treffen und (neue) Online-Angebote sprechen. Es ist nur halt selten nicht zu Ende gedacht, wenn ich alles tue was möglich ist und mich nicht eine Minute lang frage, welcher Sinn und Zweck eigentlich dahintersteckt. Ehrlich gesagt, manchmal sieht es auch nicht so aus, als hätte sich jemand überhaupt Gedanken gemacht.

Leider umsonst

Ich muss mir aber auch im Klaren darüber sein, dass gute Leistungen, die kostenlos abgegeben werden, vermutlich kaum wieder den Preis erzielen werden, der den Gegenwert abbildet. Die positiven Aspekte Hilfe und Unterstützung hin oder her. Das nur als Spitze für meine Freunde der beratenden Zunft, aber auch für alle anderen – und als Notiz an mich.

An den mehr oder weniger aktuellen Beispielen können wir erkennen, dass sich das Tun, das demonstrative Tun, sehr weit vom Kern oder dem viel zitierten Warum entfernt hat.

Demonstrative Erfolgssymbole

Endlich kann man an einem Kriterium die Güte und Ausbreitung der Digitalisierung messen: Home-Office. Und Videokonferenzen. Nun haben wir endlich etwas, das wir zeigen können. Wir können zeigen, wie digital, agil und fortschrittlich sind. Und weil wir das glauben, dass wir es sind und unsere Mitarbeiter auch, sollen es auch alle erfahren. Was vorher der Konferenz-Team Selfie auf LinkedIn war ist jetzt Home-Office-Porn mit Facebook-Niveau an derselben Stelle.

Veränderungen von Innen und Sinnkonstruktion

Veränderungen / Transformationen können von außerhalb des Unternehmens getriggert werden. Das sind manchmal auch die einzigen Trigger, auf die der eine oder andere überhaupt reagiert – vor allem, wenn es echt bedrohlich wird. Oder Veränderungen kommen von innen und gestalten sich evolutorisch. Ersteres ist passiv und funktioniert meist so irgendwie.

Zweites ist aktiv und generisch. Und ja, das geht! Wenn die Kultur stimmt. Und das Unternehmen weiß, was dafür nötig ist. Wenn es seinen Kern, Sinn, seine DNA kennt – so den echten und echt-eignen „Kern-Sinn-Purpose mit DNA-Effekt“ – egal, wie man das intern nennt. Nur eben keine konstruierte Geschichte, die jemand aus einer 4-Felder-Matrix geklöppelt oder nach dem Rat eines Purpose-Contributors übernommen hat.

Mach es wie ich!

Konstruiert heißt übrigens, ich gehe nach einem Muster vor, dass sich bewährt hat - logisch, analytisch und stringent aufgebaut ist, das man nachvollziehen und nach dem man vorgehen kann. Konstruktion gibt Sicherheit - vermeintliche Sicherheit.

Wo wir gerade bei der Konstruktion sind: Damit wir gut dastehen, zumindest aber gut aussehen, tun wir etwas. Wir tun etwas, das den Eindruck erwecken soll, am Wachstum und an der Zukunft des Unternehmens zu arbeiten. Am besten mit bekannten und / oder bewährten oder noch besser „modernen“ Modellen, Tools, Produkten, was auch immer.

Da wir aber nicht so genau wissen, was denn tatsächlich hilft, schauen wir auf das, was die anderen so machen. Oder hören den Experten zu. Wir nutzen Produkte, Tools und Methoden, die helfen sollen, übersehen aber deren Antiproduktivitätspotenzial und verhindern so die Arbeit an der eigenen Sache.

Nun, was ist denn die eigene Sache, der Kern des Ganzen?

 „Woher soll ich das wissen?“ werden Sie vielleicht fragen. Doch, das wissen Sie. Ok, Sie wussten es mal, als Sie Ihr Geschäft gestartet haben, als Sie die Stelle angenommen haben; irgendwann vor langer Zeit. Oder der Gründer und Inhaber wusste es vielleicht mal. Und dann haben Sie es vergessen. Und dann haben Sie vergessen, dass Sie es vergessen haben.

Und wieder: Das Warum

Zum Glück gibt es dann diesen Simon Sinek, der Ihnen sagt, dass Sie mal nach dem Warum, dem Sinn, fragen sollten – weil, wie man im Ruhrgebiet sagt, ohne geht nicht.

Das machen Sie dann auch. Weil er es gesagt hat. Also das mit dem Warum. Und bauen eine Mission und eine Vision. Und dann sagen sie es den Leuten da draußen und gucken, wie die so gucken. Oh, der guckt aber komisch, das ist es dann wohl nicht. Dann nehme ich mal ein Warum, das so einigermaßen passt, aber auf jeden Fall gut aussieht. (Wir Berater helfen übrigens gerne und unterstützen Sie bei der Purpose-Definition.)

Keine Ahnung

Ich behaupte: Sie wissen nicht, was Ihr Kern, Ihr Warum ist. Und wenn Sie es behaupten zu wissen, dann stimmt das nicht.

Das gelebte Warum ist in der freien Wildbahn: Weil man das so macht, weil die anderen es so machen, und weil man das deshalb genau so macht. Alles externe Treiber, viel Bullshit. Leider.

Sie kommen dem Ding möglicherweise etwas besser auf die Schliche, wenn Sie sich die Warum-Frage mindestens 5-mal in Folge stellen. Jedes Warum wird nochmal hinterfragt. macht nicht unbedingt Spaß, hilft aber.

Warum, was, wie

Wenn Sie dann das Warum für sich (und Ihr Geschäft) geklärt haben, wissen Sie fast automatisch was zu tun ist. Und wenn Sie wissen, was zu tun ist, werden Sie das am besten geeignete Wie automatisch finden. Die Mittel, Wege, Tools etc. Und zwar wie von selbst, von innen, originär, authentisch und progressiv. Adieu Bällebad, willkommen gute Entscheidung.

Das ist der bessere Weg. Aber auch der klar schwierigere. Das ist halt so wie mit den Pionieren im Wilden Westen: Den Staub im Gesicht und die Pfeile im Rücken - fragen Sie mich nicht, wer das gesagt hat.

Was wir stattdessen tun: Wir machen es uns einfach. Also am besten das, was Experten empfehlen und tun und vorleben. Wir machen alle mit. Auch wenn wir ganz tief drinnen spüren, dass das doch irgendwie Murks ist mit dem virtuellen Feierabendbier.

Zur Erinnerung

Wenn Ihnen jemand mit einer Sache (Lösung, Produkt, Tool, Modell etc.) kommt, ist es ein „Wie“. Wenn Sie Ihr Warum und Was nicht kennen, wird dieser Mensch Ihnen erklären, was man so Tolles damit machen kann. Dann nutzen Sie diese Sache und erklären sich und anderen im Nachgang das Warum. Das ist ein konstruiertes Warum, das nicht Ihres ist.

Der Sog ist jedoch momentan so stark, dass man sich dem kaum entziehen kann. Wenn mein Nachbar jetzt also Zoom macht, mache ich das auch. Wenn er Kurse anbietet, dann mache ich das auch. Und so weiter. Was ich hier vermisse, ist die originale und originelle Idee für ein Angebot und dann das Mittel der Wahl als Vehikel zu verwenden. Also vom Warum über das Was zum Wie.

Diese Metoo-Falle, die aus einer Art Herdensog oder Schub folgt, führt zu: Metoo. Wie der Name sagt: Wir machen das jetzt auch. Als Symbol des Fortschritts. Keine Differenzierung.

Verkehrte Denkrichtung

Die Gefahr findet sich in der Grundannahme, dass das Wie (das Tool) die Basis der Originalität ist. Ich nehme also das Tool (Wie) und gucke, was ich damit machen kann (Kurse, Konferenzen) und erfinde im Anschluss den Sinn, den Purpose und das Warum, damit die Kiste rund ist. Mindestens aber so aussieht. Siehe oben.

Das führt zu dem, was wir jetzt haben: Jeder macht alles. Und davon eine Menge. Screenshots von Meetings sind die neuen „Guck mal ich war auf der Konferenz-Selfies“, Home-Office-Porn (guck mal mein Setup). Ohne klaren Sinn. Mit wenig Seele.

Alles als offensichtliche Rechtfertigung dafür etwas zu tun, nicht untätig zu sein. Das ist Busy-ness. Das ist alter Wein in neuen Schläuchen. Das ist langweilig. Und hat das „Ichwerdeirgendwannkollabieren-Gen“ in sich.

Und jetzt?

Wenn wir die technischen Möglichkeiten als Vehikel verstehen und nicht als Selbstzweck, wenn wir unser Warum kennen und dann nach Lösungen suchen anstatt aus Produkten (dem Wie) stoisch Lösungen (Was) und den Sinn konstruieren, wird man da draußen immer eines an unserem Angebot erkennen: Die Seele, die echte DNA, Authentizität. Genau deshalb werden Produkt und Dienstleistungen gekauft!

Jetzt ist eine gute Zeit um sich auf den Sinn, das Warum zu be-sinnen – statt Busy-ness zu betreiben.

 

(Beitragsbild: gratisography.com)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.