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Hemm-O-Rhoiden

  • 5 Minuten Lesezeit

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – so steht es in Hesses „Stufen“.

Weiterhin schreibt Hesse:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Tja, diese Gewöhnung, die lähmende. Und der winkende Konjunktiv. Wie bequem ist doch diese unsere Komfortzone? Dort lässt es sich sicher Träumen. Und die Träume und zukünftigen Anfänge fühlen sich zauberhaft an.

Die (mehr oder weniger) gute Komfortzone

Dabei muss die Komfortzone gar nicht soooo komfortabel sein. Sie kann unangenehm, quälerisch und energieraubend sein – egal ob für mich persönlich, in meinem Job (unabhängig von Rang und Titel) oder sonst wo.

Die Komfortzone ist deshalb so komfortabel, weil wir wissen, was uns erwartet. Wir wissen, wie es in dieser ungeliebten Stadt, diesem ätzenden Job und dem nervigen Chef, den unfähigen Mitarbeitern, den blöden Kunden ist. Das ist glücklicherweise berechenbar (meistens) und gibt eine gewisse Sicherheit.

Grünes Gras auf der anderen Seite?

Klar ist das in Summe maximal suboptimal. Aaaaber, weiß ich/wissen wir, wie es da draußen ist? Woanders ist doch auch Mist und dann wenn wir auf der anderen Seite sind, ist das Gras hier doch grüner, oder?

Also warum dann was Neues machen oder etwas ändern? Lieber mehr anstrengen und durchziehen. Am besten, bis die Kinder aus dem Haus sind (sofern Kinder und Haus vorhanden) oder man in Rente geht. Oder so ähnlich.

Dem Anfang wohnt ein Zaudern inne..

Dem Anfang wohnt dann doch wohl nur theoretisch ein Zauber inne. Vielmehr ist es doch das Zaudern, dass den ersten Schritt hemmt. Der verzauderte Zauber sozusagen.

Woran liegts? Hesse ist der Ansicht, dass der Weltgeist auf unserer Seite ist und unterstützt. Im Zen gibt es den sogenannten Anfängergeist, der unendlich viele Möglichkeiten sieht. Und die Prinzen von Serendip haben vorbildlicherweise dem Zufall sehr viel Raum gegeben, was ihren Vater, den König zumindest freudig gestimmt hat. Gute Beispiele. Und davon gibt es viele.

Und wir so?

Viele haben Hemm-O-Rhoiden. 1001 Ideen und Wünsche und Pläne (in der Schublade), MIMM-Projekte (Müsste-Ich-Mal-Machen) und mindestens genauso viele Wenns und Abers und den einen oder anderen hinderlichen Glaubenssatz.

Andere wiederum haben enorme Power, gute Absichten und sind entschlossen – nur sehen sie nicht die Möglichkeit(en), wie und wo sie die Kraft auf den Pfad bringen können.

Wahrheit(en)

Die (weder traurige noch bittere) Wahrheit und vielleicht eine der größten Hemm-O-Rhoiden:

Etwas Altes muss erledigt sein, bevor Platz für etwas Neues da ist. Es geht häufiger um das Entweder-oder als um das Sowohl-als-auch.

Wir müssen uns auf dem neuem (Wunsch-) Terrain heimisch fühlen, eingewöhnen sozusagen. Das wir von Alternative A mit 100% direkt und ohne Zeit- und Reibungsverluste auf Alternative B mit 100% umschalten können ist eine Illusion.

Im neuen Job und in der neuen Stadt werden wir uns zunächst orientieren müssen, Erfahrungen sammeln, Versuch und Irrtum leben, während wir in Gedanken und Gewohnheiten noch an der alten Welt („so schlecht war das jetzt aber auch nicht“) festhalten.

Übergänge

Und vielleicht ist diese Phase des Übergangs in den „produktiven Regelbetrieb“ für viele zu unbequem. Aus Gründen.

Andere wiederum erwachen in solchen Situationen zu neuem Leben, genau deshalb: Keine Routine mehr, vieles neu. Mehr spüren – sich selbst. Und das Leben.

Noch eine Hemm-O-Rhoide: Overthinking

…oder Über-legen. Ich lege etwas über etwas anderes. Eine Schicht, noch eine Schicht und noch eine. Immer dicker, immer höher. Alles bedacht (hoffentlich) und in Summe ist das Über-ge-legte so schwer und fett, dass es kaum handhabbar ist.

Während ich mich vorbereite und alles minutiös durchdenke, sind die anderen schon losgelaufen oder mir die Zeit davon.

Och nö….

Och nö statt Au ja! Während in Villa Riba noch abgewaschen wird, werden in Villa Bajo schon feste Feste gefeiert  – oder so ähnlich.

Dieses Über-legen hüllt sich übrigens gerne ins Kleid des Perfektionismus und trägt die Mütze der Prokrastination. Beide sind irgendwie verwandter miteinander als sie zugeben würden.

Kühlschranksprüche mit Wahrheitsgehalt

Dabei gibt es doch ermutigende Weisheiten aus Ost und West und von Nah und Fern, die zwar an vielen Kühlschränken haften, aber dennoch mehr Sinn haben, als zunächst unterstellt: „Spring und das Netz wird sich zeigen“. Oder: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“. Vordergründig Buzzword Bingo. Tatsächlich hoher Wahrheitsgehalt.

Die Botschaft ist: Tun.

3 Frage(zeichen)

Für die Logiker unter uns (und alle anderen natürlich auch) zitiere ich gerne (und unaufhörlich) diese drei Fragen, die mir Dale Carnegie mitgegeben hat:

  1. Was ist das Schlimmste, das passieren kann (wenn Du losgehst/beginnst/dieses tust/jenes lässt)?
  2. Wie wahrscheinlich ist das?
  3. Was mache ich dann?

Es besteht in den seltensten Fällen eine Gefahr für Leib und Leben (maximal fürs Ego), dafür jedoch eine hohe Lerngefahr.

Jetzt!

Ich glaube – auch gerade jetzt, wo der Frühling beginnt und Mensch frühjahrsputzig wird – ist eine gute Zeit, mal die eigenen Hemm-O-Rhoiden einer Bestandsaufnahme zu unterziehen, um sie dann in den Restabfall zu geben. Ohne diesen Ballast handelt, geht und lebt es sich besser.

Oder wie Hesse sagt: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

In diesem Sinne: Los gehts, denn vom Sitzen werden die Hemm-O-Rhoiden nur größer

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Das Kleingedruckte und sachdienliche Hinweise:

  • Dieser Beitrag ist bei der Erstellung durch keine KI zu Schaden gekommen.
  • Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion unterliegen meiner Kreativität und Aufsicht.
  • Kann Spuren von Ironie, Humor (homöopathische Dosen) und eigenen Ideen (nennenswert) enthalten.