„Was ich mit dieser Massnahme erreichen will? Die letzten 10 Prozent Motivation.“
Was meint der damit? Sind nur noch 10 % Motivation vorhanden?
Nein, das meint er nicht. Er ist mit der – wie nennt man das heute? – Teamperformance im Grunde zufrieden. Aber nur im Grunde, denn es fehlen noch die letzten 10% zur 100.
Nicht die Extrameile, die muss es nicht sein. Jedenfalls hat es niemand ausgesprochen. Es reicht, wenn alle 100% geben. Aus Sicht des CEO. Oder des Vorstandes. Oder des Inhabers.
Potenziale heben und aufs nächste Level hüpfen
Wie gelingt es uns das komplette Potenzial in der Organisation zu heben, freizusetzen oder was auch immer der griffige Name dafür ist?
Ok. Das ist naheliegend. So macht man das in der Regel. Motivation, Teambuilding, Vision, Wertearbeit – alles in unterschiedlichen Dosierungen, jedoch mit dem einen Ziel: Mehr.
The only way is…up!
Mehr Leistung, mehr Output, mehr von allem. Das ist naheliegend, weil es im Grunde nur eine Richtung, eine Maxime gibt/geben will: Mehr. Höher. Schneller. Weiter.
Und dieses Mehr-Höher-Schneller-Weiter soll am besten durch eine weiteres Mehr ermöglicht werden: Mehr Skills, mehr Tools, mehr Effizienz. etc. Next Level und so. Kann man machen.
Das ist auch ein nicht unübliches Anliegen, wenn es um Zeit- und Selbstmanagement geht.
Perspektivwechsel und gute(s) Fragen
Ich drehe die Frage (s.o.) gerne um: Statt: Was können wir tun, damit die Leute (noch) mehr leisten?
- Was hindert die Leute in unserer Organisation daran, einen guten Job zu machen, ihren Job gut zu machen?
- Was hindert und wovon ist zu viel?
- Wo ist der Ballast, der die Leute (alle, auch die Führung) unnötig schwer macht und bremst?
- Wo dehnt sich die Arbeit mit der zur Verfügung stehenden Zeit aus? (Fragt Herr Parkinson)
Pause
Nach einer kurzen Stille machen sich dann die Gedanken an die Arbeit. Stimmt, da könnte was dran sein.
Ja, da ist was dran! Was nützt es, wenn ich unsinniges, nicht zielführendes Zeug noch effizienter und schneller mache? Mehr unnütze Zeugs. Aber produktiv. Busy. Toll! „Nicht!
Die eingetretene Stille öffnet die Tür zu einem nicht neuen, aber in Vergessenheit geratenen Denkraum:
Neuer Denk- und Möglichkeitenraum…
Wo ist der Bullshit, wo werden Ressourcen verschwendet, welche Prozesse, Meetings, Features etc sind nicht wertschöpfend, welche sind unnütz und überflüssig?
…mit Risiken
Ok… eine tiefergehende Analyse kann dazu führen, dass der eine oder die andere (mehr oder weniger) liebgewordene Aufgaben, Projekte etc. in der Zukunft nicht mehr auf seiner Agenda hat und Sorge um die Sicherheit seines/ihres Arbeitsplatzes hat.
…und vielen Chancen
Die positive Seite ist, dass dann mehr Raum entsteht für Ideen, Kreativität. Oder (und das ist häufig so), dass man gar nicht so viel mehr neue Kräfte benötigt, weil durch ein kluges cut-the-crap-Projekt auf einmal freie Kapazitäten vorhanden sind – ohne, dass die Nachfrage eingebrochen wäre.
Prozesse UND Kultur
Zusammen mit einem kritischen Blick auf die Prozesse braucht es einen Blick auf die Kultur in der Organisation: Gelingt es uns, ein positives Klima zu schaffen, in dem die Leute gut und gerne arbeiten, ein Klima, in dem Teamarbeit und Kooperation gedeihen können?
Wie steht es aus mit der Fairness, mit der gefühlten Zugehörigkeit, dem (psychologischen) Sicherheitsgefühl, der Autonomie (Gestaltungsmöglichkeiten und -freiheiten), der Fehlerkultur, der Qualität der Kommunikation, dem Vertrauen?
Weniger, dafür besser
Wenn es der Organisation gelingt a) den Ballast abzuwerfen und die Hindernisse aus dem Weg zu räumen und b) eine „gute“ Unternehmenskultur zu schaffen, dann kommt sie einfacher, leichter und schneller voran.
Weniger (und das Richtige) tun und es dafür und gleichzeitig besser zu tun – da geht es lang.
Nachsatz
Wo der Ballast ist, sieht der Außenstehende deutlich besser. Das ist die Gnade des Externen. Man kann so einen cut-the-crap Prozess natürlich auch intern anstoßen und durchziehen. Aber der Externe sieht die Dinge eben aus einer anderen Perspektive (die er wahrscheinlich dann schon nicht mehr hat, wenn er 3-6 Monate in der Organisation ist).