Leadership – Lernen von Tour-Guides (1/3)

In diesem Sommer habe ich mir einen Traum erfüllen können – deshalb war es hier auch etwas still, was Beiträge etc. angeht: Ich war zwischen Juni und September als Tour-Guide in den Alpen unterwegs und durfte einige Gruppen von Oberstdorf nach Meran führen. Menschen, die sich damit ebenfalls einen Traum erfüllt haben.

Eine großartige Erfahrung. Nicht nur, weil dieser Weg einfach toll ist und die Berge eine wahnsinnige Inspiration für mich sind. Ich konnte eine Menge über Führung lernen. Als Guide in den Alpen und anderswo. Mit großem Nutzenpotenzial für Führung und Leadership in Organisationen.

Jedes Mal neu…

Meine Gäste treffe ich in der Regel am Abend bevor wir starten. Ich kenne bisher niemanden. Wenn wir mit zwei Guides laufen, was ab einer gewissen Gruppengröße der Fall ist, lerne ich an diesem Abend auch erst meinen Kollegen oder meine Kollegin kennen. Die Gäste kennen sich in der Regel untereinander auch noch nicht. Wir wissen nicht oder nur durch Selbsteinschätzung wie fit und erfahren der Einzelne ist. Und von den Wetterverhältnissen der nächsten 8 bis 10 Tage, die wir nun zusammen verbringen, haben wir nur die Ahnung, die uns der Wetterbericht vermittelt.

Mit dieser Grundkonstellation werden wir nicht nur die nächsten 8 bis 10 Tage zusammen verbringen, sondern insgesamt mit Gehzeiten und Frühstück und Abendessen ca. 14 Stunden pro Tag. Mit einem Ziel: Gemeinsam am Ziel ankommen. Und das Ziel ist klar. Die Etappen auch – so steht es in der Tourbeschreibung.

Anders als im Job- und Management-Alltag (oder als Trainer): Der Guide läuft nicht nur mit. Er läuft meistens vor, kennt den Weg und nimmt alle mit. Egal, welches Fitness-Level. Er ist sichtbar. Ohne Bürotüren oder Hierarchien. Er weiß am Anfang noch nicht, wie fit die Gäste sind und hat keine Ahnung, wie die Gruppe insgesamt so funktioniert.

Ähnliche Voraussetzung wie in der Projektarbeit, oder?

Was ich in diesen Monaten gelernt, erfahren und erlebt habe, ist wertvoll für den Bereich Führung und Leadership. Schon die Berücksichtigung einer Anregung oder eines Impulses hieraus kann in der (täglichen) Führungsarbeit enorm dabei helfen, alle Teammitglieder mitzunehmen und gemeinsam ein Ziel zu erreichen – und nicht nur das: Insbesondere den Alltag, den Prozess, und den Weg zum Ziel zum Erlebnis, Lernerfolg zu machen; persönliches Wachstum zu erzielen. Für alle Beteiligten.

Hier ist der erste Teil: Die wesentlichen Learnings, Besonderheiten und Aha-Effekte – warum es gut bzw. wie es gut funktionieren kann. Und was Sie als Führungskraft daraus lernen können:

0. Gemeinsame Ziele

Wichtig im Job: Das Ziel sollte allen klar sein. Und alle sollten es tragen. Wer nämlich eigentlich gar dabei sein will, der wird früher oder später zur Bremse und die Stimmung im Team trüben – vor allem, wenn er ansteckend ist.
Die vordergründige Zustimmung, ein Proforma-Commitment reicht nicht. Ist der Wille nicht da, bleibt die Person zu Hause (oder der Guide schickt sie – nach einem 4 Augen-Gespräch und mit Ansage – nach Hause). Das ist keine Sanktion. Das ist notwendig, wenn der Teamerfolg im Sinne der Zielerreichung gefährdet ist.
Wer hier nicht will ist möglicherweise in einem anderen Projekt besser aufgehoben. Dort soll er bitte auch eingesetzt werden. Ohne Animositäten oder lange Gesichter.

1. Klare Kommunikation

Das betrifft die Tagesetappen, Pausen, Anforderungen, Essenszeiten. Also den Rahmen, der sich mehr oder weniger um diesen Tag, diese Etappe spannt.
Da es nicht darum geht zu diskutieren oder abzustimmen, sondern allen das (Tages-)Ziel klar ist, braucht es nur die Kommunikation dieser Eckdaten. Und zwar gegenüber allen und gleichzeitig. Das verhindert Missverständnisse oder das Problem, dass jemand meint, ein anderer würde vorher und / oder besser informiert.
Kurze Sätze, kein Geschwurbsel, denn darum geht es nicht. Es geht ums Tun. Ballastfrei.

2. Verbindlichkeit und Glaubwürdigkeit

Als Guide müssen Sie die Dinge so tun, wie Sie gesagt haben, dass Sie sie tun werden, wie Sie sie tun werden und wann. Jede Situation zählt. Ein kleines aber bedeutendes Beispiel: Wenn Sie sagen, dass es um 8:00 Uhr losgeht, dann können Sie nicht erst um 8 oder 5 nach 8 am Start sein. Sie sind früher da, damit es eben pünktlich losgehen kann. Genauso können Sie nicht eine bestimmte Technik beim Bergabgehen anordnen, sich aber selber nicht daran halten.
Es braucht nicht viel, um Ihre Kompetenz und Autorität in so einer Sache zu untergraben. Am leichtesten schaffen Sie das nämlich in Eigenregie und öffnen die Tore für Kandidaten, die das als Einladung sehen, Ihre Kompetenz und Ihren Führungsanspruch in Frage zu stellen.

3. Entscheiden

Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Was im Job geht, funktioniert auf so einer Tour nicht. Der Guide MUSS entscheiden. Im Hinblick auf die Erreichung des Zieles mit und für alle Mann und Frau. Unter dem absoluten Primat der Sicherheit. Und meistens muss er schnell entscheiden. Die Entscheidung ist klar zu kommunizieren. Und dann auch genau so umzusetzen (siehe 1 und 2).

4. Verantwortung übernehmen, Konsequenzen tragen

Auch „Nicht-Entscheiden“ hat Konsequenzen. Da eben das hier nicht geht (schade oder?), müssen Sie zwangsläufig entscheiden UND die Verantwortung für Ihre Entscheidungen übernehmen. Delegation geht nicht. Punkt.

5. Zwischen Diktatur und Laissez-Faire

Die oberen Punkte lesen sich so, als wäre ich ein Freund der Diktatur und es gäbe keine Alternativen, Diskussionen oder Mitsprache. In bestimmten Situationen ist das tatsächlich so. Ist aber auch nicht schlimm, da a) alle dasselbe Ziel haben b) mit ihrer Haut in diesem Projekt sind und c) die Details über das Projekt VORHER geklärt waren – das ist die Basis für die Teilnahme. Und da es (meistens) Erwachsene sind, sollte die Diskussion diesbezüglich bereits lange abgeschlossen sein.
Und ja… klare Ansagen lassen innerhalb des durch sie abgesteckten Terrains immer genug Möglichkeiten des Erlebens und Entdeckens. Dazu gehören zum Beispiel schöne Umwege, Pausen an tollen Orten.

6. Transparenz und sofortiges Feedback

Was Sie als Guide ratzfatz lernen und was Ihnen als Führungskraft wahnsinnig ins Auge fallen wird: Sie sind transparent. Und ständig unter Beobachtung. Weil Sie 14 Stunden am Tag mit Ihren Leuten unterwegs sind. Jeder sieht und lernt, ob Ihr Tun mit Ihrem Reden übereinstimmt. Eine großartige Schule! Und hart für die, die ihre Leute sonst nie sehen und aus der Ferne steuern. Aber so können Sie (Führungs-)Autorität und Glaubwürdigkeit aufbauen.
Außerdem haben Sie direkt den Finger am Puls des Teams. Sie sehen, hören und spüren, wie es dem Team geht und wie sie das Projekt meistern. Ohne explizite Checks. Ohne Überprüfung am Tag der Deadline. Sondern permanent und fliessend. Sie können direkt unterstützen und sich kümmern. Bevor irgendwer oder irgendwas in den Graben gefallen ist. Auf Augenhöhe.

Das soll es für den Augenblick gewesen sein.

In der nächsten Folge verrate ich Ihnen, was es beim Guiding und in der Führung mit dem Spruch „Wie der Herr, so´s Gscherr“ auf sich hat.

Ach ja…in eigener Sache:

Sie sehen… man kann „da draussen“ in der freien Wildbahn eine Menge lernen. Durch eigenes Erleben und Erfahren. Ich gebe dieses Wissen persönlich weiter. Klar, wie an dieser Stelle in Worten. Besser ist persönlich vortragend und im Dialog. Noch viel besser ist: Unmittelbar mit Kollegen und Gleichgesinnten IN der freien Wildbahn. Erfahren Sie Führung neu!

Interesse? Rufen Sie mich an, schreiben Sie mir.

 

(Artikelbild: Bertold Raschkowski)

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